Barcelonas Block der Zwietracht: Warum drei Nachbarhäuser so verschieden aussehen

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Illustration eines Reisenden mit Kartonrahmen vor dem Treppengiebel der Casa Amatller.

Am Passeig de Gràcia geben drei berühmte Häuser sehr unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage: Wie soll ein städtisches Wohnhaus aussehen? Die Casa Lleó Morera gestaltet ihre Ecke mit gerundeten Vorsprüngen und reich bearbeitetem Stein. Die Casa Amatller zeichnet einen Treppengiebel in den Himmel. Die Casa Batlló setzt auf fließende Formen, schimmernde Farben und Balkone, die an Masken erinnern.

Gerade das macht Barcelonas Block der Zwietracht, die Illa de la Discòrdia, interessant. Die Häuser gehören zur Welt des katalanischen Modernisme und wirken dennoch unverwechselbar. Wer ihre Unterschiede versteht, gewinnt schon beim Betrachten von der Straße aus etwas hinzu. Dafür muss Architektur weder Studienfach noch das einzige Thema der Reise sein.

Was mit der „Zwietracht“ gemeint ist

Der Name beschreibt das auffällige Nebeneinander verschiedener architektonischer Charaktere innerhalb eines Blocks. Er lädt zum Vergleichen ein, beweist aber keinen persönlichen Streit. Ein einprägsamer Beiname belegt weder einen gemeinsamen Wettbewerb der drei Architekten noch die Absicht jedes Eigentümers, mit seinem Auftrag unbedingt die Nachbarn zu übertreffen.

Auch die tatsächliche Anordnung verdient Aufmerksamkeit. Amatller und Batlló stehen unmittelbar nebeneinander. Lleó Morera besetzt die südliche Ecke, einige Türen weiter. Zum Block gehören außerdem weitere Gebäude. Die berühmte Dreiergruppe ist deshalb ein guter Ausgangspunkt, aber keine vollständige Aufzählung dieses städtischen Abschnitts.

Schon vom öffentlichen Gehweg aus lässt sich das Zusammenspiel verstehen. Drei aufeinanderfolgende Innenbesichtigungen sind dafür keine Voraussetzung. Nehmen Sie lieber eine Frage von Fassade zu Fassade mit: Was macht jedes Haus anders mit seinem Umriss, seinem Baukörper und seiner Oberfläche? Das ergibt mehr als eine Rangliste der schönsten Fotomotive.

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Ein gemeinsames Umfeld ohne einheitliches Aussehen

Der katalanische Modernisme lässt sich als breites Feld gestalterischer Möglichkeiten verstehen. Er war kein verbindlicher Bausatz aus immer gleichen Fenstern, Dächern und Ornamenten. Architekten konnten historische Anregungen aufgreifen, Formen erproben und dem Kunsthandwerk eine wichtige Rolle geben. Ein gemeinsames kulturelles Umfeld verlangte keine gemeinsame Fassadensprache.

Auch die Aufträge waren verschieden. Unterschiedliche Bauherren, vorhandene Häuser und Positionen im Straßenraum schufen jeweils andere Voraussetzungen. Alle drei berühmten Bauten erhielten ihr charakteristisches Erscheinungsbild durch Umbauten. Es ging darum, Bestehendes neu zu gestalten, und nicht darum, drei voneinander unabhängige Denkmäler auf freien Grundstücken zu errichten.

Zum Schauen helfen drei Maßstäbe. Beginnen Sie mit der Silhouette vor dem Himmel. Betrachten Sie danach den Baukörper mit seinen Ecken und Vorsprüngen. Erst anschließend kommen die Oberflächen im Detail. Das sind alltägliche Beobachtungen, für die kein Fachwortschatz nötig ist. Der Wechsel des Maßstabs erklärt oft schon einen wesentlichen Unterschied.

Casa Lleó Morera: ein Haus gestaltet die Ecke

Lluís Domènech i Montaner verwandelte die vorhandene Casa Rocamora durch einen 1905 abgeschlossenen Umbau in die Casa Lleó Morera. Dieses frühere Gebäude mitzudenken verändert die Geschichte. Die auffällige Architektur war zugleich eine anspruchsvolle Weiterentwicklung vorhandener städtischer Bausubstanz. Diesen Hintergrund teilt sie trotz aller sichtbaren Unterschiede mit Amatller und Batlló.

Beginnen Sie mit der Ecklage. Gerundete Vorsprünge, verglaste Erker und steinerne Brüstungen lassen das Haus in mehrere Richtungen wirken. Es zeigt dem Boulevard nicht nur eine flache Schauseite, sondern begleitet eine Wendung im Straßenraum. Eine Nahaufnahme eines einzelnen Fensters kann diesen größeren Zusammenhang leicht ausblenden.

Verfolgen Sie anschließend die Kurven über mehrere Geschosse. Die Formen der Erker und der plastische Schmuck beziehen sich aufeinander. Der Reichtum entsteht durch diese Beziehungen, nicht nur durch die Menge einzelner Figuren. Suchen Sie einen überschaubaren Ausschnitt und beobachten Sie, welche Linie wiederkehrt und welche sich verändert.

Das Haus erinnert außerdem daran, dass Architektur gemeinschaftliche Arbeit ist. Bildhauer, Glasmaler und Mosaikspezialisten trugen zum Ensemble bei. Der Architektenname steht für den zusammenhängenden Entwurf, doch seine materielle Wirkung entsteht durch mehrere Gewerke. Stein und farbiges Glas als unterschiedliche Arbeiten wahrzunehmen macht die Dekoration konkreter als den allgemeinen Eindruck von Luxus.

Illustration eines Reisenden mit geschlossenem Schirm vor dem gerundeten Erker und dem Steinschmuck der Casa Lleó Morera.

Wenn die vielen Details den Blick zerstreuen, verkleinern Sie bewusst den Ausschnitt. Folgen Sie einem einzigen verglasten Erker nach oben oder vergleichen Sie eine Brüstung mit der Öffnung darüber. Eine kleine Beobachtung, die man einer Begleitung erklären kann, bleibt häufig besser im Gedächtnis als eine lange Liste unbekannter Künstlernamen.

Casa Amatller: klare Kontur und lebendige Oberfläche

Josep Puig i Cadafalch baute die Casa Amatller 1898–1900 für Antoni Amatller um. Die Verbindung des Eigentümers zum Schokoladengeschäft gehört zur Familiengeschichte. Sie macht dieses Wohnhaus aber nicht zu einer ehemaligen Produktionshalle. Den Beruf des Auftraggebers von der Nutzung des konkreten Gebäudes zu unterscheiden bewahrt ein reizvolles Detail vor einer falschen Zuspitzung.

Der Treppengiebel ist das schnellste Erkennungsmerkmal. Seine deutliche Kontur unterscheidet sich sowohl von der gerundeten Ecke bei Lleó Morera als auch von Batllós fließender Dachlinie. Nordeuropäische Architekturbezüge stehen hier neben weiteren historischen Anregungen. Das gesamte Haus einfach „mittelalterlich“ zu nennen würde diese unterschiedlichen Einflüsse unnötig zusammenziehen.

Weiter unten trägt die helle Fassade Sgraffito-Muster. Diese Technik arbeitet mit verschiedenen Putzschichten. Geschnitzte beziehungsweise gemeißelte Einfassungen und vorspringende Bauteile verstärken einzelne Stellen. Mit etwas Abstand wird erkennbar, wie die reichen Bereiche in einer lesbaren Gesamtfläche sitzen. Nicht jeder Quadratzentimeter muss als eigenes Schmuckstück untersucht werden.

Vergleichen Sie die Platzierung des Schmucks statt seiner Menge. Welches Fenster zieht zuerst den Blick an? Wo bietet eine ruhigere Wandfläche eine Pause? Damit betrachten Sie die Verteilung von Aufmerksamkeit. Das funktioniert durch geduldiges Schauen, ohne jedes Motiv benennen oder seine kunsthistorische Herkunft sofort einordnen zu müssen.

Illustration eines Reisenden mit blauem Fächer vor dem verzierten Fenster und der gemusterten Fassade der Casa Amatller.

Amatller lohnt sich besonders in zwei Maßstäben. Aus größerer Entfernung prägt der abgestufte obere Abschluss den Wiedererkennungswert. Näher treten Oberflächenzeichnung und Steinbearbeitung hervor. Ein einzelnes Detailfoto ersetzt den gesamten Umriss nicht. Versuchen Sie, sich jeweils ein Merkmal aus beiden Maßstäben zu merken, bevor Sie zum Nachbarhaus wechseln.

Casa Batlló: Bewegung in Dach, Balkonen und Farbe

Antoni Gaudí gestaltete ein bestehendes Gebäude 1904–1906 zur heute berühmten Casa Batlló um. Diesen gemeinsamen Hintergrund vergisst man angesichts des ungewöhnlichen Ergebnisses leicht. Die eigenständigen Formen bedeuten aber weder, dass zuvor nichts an dieser Stelle stand, noch dass jede Beziehung zur Straße ohne vorhandene Voraussetzungen entstand.

Vergleichen Sie den oberen Abschluss mit Amatllers Treppengiebel. Gerundete Übergänge und eine schuppenartige Deckung ersetzen die deutliche Folge von Stufen. Darunter bringen Balkone und Farbflächen weitere Veränderungen hinzu. Dach, Öffnungen, Vorsprünge und Hintergrund wiederholen nicht mechanisch ein einziges Muster. Der Blick findet immer wieder eine andere Art von Form.

Sie müssen nicht sofort alles entschlüsseln. Die Deutung des Dachs als Drache ist bekannt, doch eine beliebte Lesart ist nicht die einzige gesicherte Bedeutung des gesamten Hauses. Für die erste Begegnung genügt es, natürliche Assoziationen in vertrauten Bauteilen zu entdecken: Fenster, Balkone und Dach bleiben zugleich Bestandteile eines Wohngebäudes.

Auch die Farbe eignet sich zum Vergleichen. Bei Amatller kann ein Muster helfen, die Ordnung der Wand zu lesen. Bei Batlló verstärkt die wechselnde Oberfläche möglicherweise den Eindruck von Bewegung und Verwandlung. Das ist eine Beobachtungshilfe. Sie behauptet weder, dass alle Menschen dasselbe empfinden müssen, noch eine einzige verbindliche Erklärung des Architekten.

Illustration eines Reisenden mit Kamera auf Hüfthöhe vor dem farbigen Dach und den Maskenbalkonen der Casa Batlló.

Betrachten Sie obere Details von einer sicheren Stelle auf dem Gehweg. Treten Sie für ein breiteres Foto nicht auf die Fahrbahn und bleiben Sie nicht mitten auf einem Überweg stehen. Auf einer belebten Avenue gehört ein unvollkommener Kamerawinkel zu einem vernünftigen Umgang mit Architektur im normalen Stadtbetrieb.

Vergleichen, ohne einen Sieger zu brauchen

Sammeln Sie drei kurze Beobachtungen: die einprägsamste Silhouette, den stärksten räumlichen Eindruck und die Oberfläche, die zum näheren Hinschauen einlädt. Dabei dürfen unterschiedliche Häuser Ihre Aufmerksamkeit gewinnen. Amatllers Giebel, Lleó Moreras Ecke und Batllós Farben gleichzeitig zu mögen ist eine schlüssige Antwort und keine mangelnde Entscheidungsfähigkeit.

Mit Begleitung können Sie sich gegenseitig jeweils ein übersehenes Detail zeigen. So wird das Gespräch konkreter als mit Urteilen wie „schön“ oder „zu viel Schmuck“. Eine Person bemerkt zuerst den Aufbau, eine andere die Farbe, eine dritte die Art, wie ein Fenster vor die Wand tritt. Alle drei Beobachtungen tragen zum Gesamtbild bei.

Mit Kindern genügt eine einfachere Aufgabe: Stufen im Umriss, einen runden Vorsprung und eine kleine Musterfläche finden. Eine vorgeschriebene Zahl von Wesen oder Ornamenten ist unnötig. Hören Sie auf, solange die Suche noch neugierig macht. Eine Pause gehört zum Besuch und muss nicht erst nach der vollständigen Bearbeitung aller Fassaden verdient werden.

Diese kleine Übung funktioniert auch außerhalb Barcelonas. Wer Silhouetten, Ecken und Oberflächen bemerkt, hat Fragen für andere Städte gewonnen. Straßen erhalten ihren Charakter durch Beziehungen zwischen Häusern ebenso wie durch einzelne Sehenswürdigkeiten: durch Abstände, Wendungen und verschiedene Arten, sich zum öffentlichen Gehweg zu öffnen.

Wann sich eine Innenbesichtigung anschließt

Der Außenvergleich und der Besuch eines Innenraums beantworten unterschiedliche Interessen. Von der Straße sieht man, wie die Häuser zur Stadt sprechen. Innen rücken Raumfolgen, Materialien und das konkrete Besuchsangebot in den Mittelpunkt. Nähe bedeutet keine gleichen Zugangsbedingungen und auch keine gemeinsame Eintrittskarte für alle drei Gebäude.

Wenn Sie hineingehen möchten, wählen Sie nach einem persönlichen Grund. Freude an Fassadenfotografie verpflichtet nicht zu mehreren Führungen hintereinander. Umgekehrt kann die gründlichere Beschäftigung mit einem Haus mehr bringen als ein zusätzlicher Eintritt. Das gilt besonders, wenn Architektur nur ein Teil einer abwechslungsreichen Barcelona-Reise sein soll.

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Für einen größeren Spaziergang auf der Avenue eignet sich unsere Route über den Passeig de Gràcia. Sie beantwortet die praktische Frage nach dem Ablauf. Hier liegt die wesentliche Entdeckung woanders: Ein kulturelles Umfeld konnte mehrere architektonische Stimmen tragen, ohne sie auf dasselbe Erscheinungsbild zu verpflichten.

Versuchen Sie vor dem Weitergehen, ohne Foto jeweils ein Merkmal zu erinnern. Eine gerundete Ecke, ein Treppengiebel und eine fließende farbige Fläche sind bereits brauchbare Eindrücke. Die „Zwietracht“ wird damit zu einer Einladung zum Hinschauen, statt aus drei Nachbarn eine Rangliste von gut bis schlecht zu machen.